Was ist „Gender Mainstreaming“?

Wer bisher nicht wusste, was sich hinter dem englischen Begriff „Gender Mainstreaming“ verbirgt, erfuhr dies auf der SPD-Informationsveranstaltung mit Frau Dr. Barbara Stiegler von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie verdeutlichte, dass sich hierunter eine neue geschlechterpoli-tische Strategie zu verstehen sei, die zum Ziel hat, sich in allen Politikfeldern und Arbeitsbe-reichen einer Organisation auszuwirken. Das englische Wort „gender“ steht hierbei für Ge-schlecht, in Differenzierung zum Wort „sex“ Es hebt also in der Abgrenzung vom körperli-chen Aspekt die soziale und kulturelle Geschlechterrolle hervor. Das Ziel von Gender Mainstreaming ist bei Entscheidungsprozessen in Organisation die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von geplanten Maßnahmen in die Überlegungen mit einzubeziehen und diese Entscheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter, also Frauen und Männer nutzbar zu machen.
Geschlechtstypische Ungleichheiten aufheben
Die 1985 auf der Weltfrauenkonferenz in Nairobi entwickelte Idee hat in dem im Januar 1997 vom Europäischen Rat unterzeichneten Amsterdamer Vertrag im Artikel 2 und 3 Abs. 2 sei-nen Niederschlag gefunden. Demnach sind Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu beseitigen und die Gleichstellung von Frau und Mann mit einer aktiven und integrierten Gleichstellungspolitik zu fördern, insbesondere in der gemeinschaftlichen europäischen Ar-beitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. Dass die Gesellschaft noch weit davon entfernt ist, z.B. in der Arbeitswelt die Gleichstellung von Frau und Mann zu berücksichtigen, werde z.B. darin deutlich, dass 75 Prozent der unbezahlten Arbeit, wie Waschen, Putzen, Kinderbetreu-ung von Frauen geleistet werde und es auch in der Bundesrepublik für Männer selbstverständ-lich sei, zu arbeiten, so Frau Stiegler. Andere Länder, wie z.B. Schweden, Finnland und Frankreich seien hier mit einem viel höheren Anteil berufstätiger Frauen viel weiter, aller-dings auch, weil die Betreuungsmöglichkeiten der Kinder dort besser ausgebaut sind als in der Bundesrepublik. Schon in der Entlohnung der Arbeit bei uns werde deutlich, dass die Waschmaschinenreparatur eines ausgebildeten Facharbeiters immer noch besser bezahlt wer-de als die Arbeitsvergütung der im sozialen Bereich Tätigen, z.B. einer Erzieherin. Etwas Bewegung sei jetzt immerhin bei der Überarbeitung der Arbeitsbewertungskriterien für den neuen BAT gekommen. Eine Veränderung im Bewusstsein sei zwar bei manchen Männern zu erkennen, die sich mehr Zeit für ihre Kinder nähmen. Jedoch bedürfe es stärkerer gesell-schaftspolitischer Maßnahmen, um einen Wandel zu bewirken. Wenn junge Männer im Rah-men der Förderung geschlechtsuntypischer Berufsausbildung z.B. in Kindertagesstätten arbei-ten, werde kleinen Jungen und Mädchen neue Geschlechtsrollenbilder vorgelebt.
Die Erkenntnis mache sich erst langsam breit, dass gender mainstreaming auch Vorteile in-nerhalb von Organisationen und Betrieben habe und es dort die Qualität der Arbeit, die Leis-tungsbereitschaft und die Arbeitszufriedenheit von Frauen erhöhe, wenn sie hre Kinder gut versorgt und betreut wissen. Die Aufgeschlossenheit für Geschlechterfragen könne einer Or-ganisation nicht nur bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hilfreich sein, sie könne auch das Produkt auf dem Markt bei bestimmten Konsumenten und Konsumentin-nen in positivem Licht erscheinen lassen. Auch in der Jugendarbeit könne dies deutlich wer-den, indem Jungen und Mädchen ihre gesellschaftlich geprägten geschlechtsspezifischen Ver-haltensweisen verdeutlicht und diesen mit entsprechendem Training entgegengewirkt werde.
Wichtig für Kommunen
Interesse an Gender Mainstreaming habe z.B. die Stadt Siegburg gezeigt, wo von Frau Dr. Stiegler darlegt werden konnte, dass diese Strategie einen dualen Ansatz hat, nämlich Chan-cengleichheit als Querschnittsaufgabe zu sehen und zugleich spezifische Maßnahmen zuguns-ten von Frauen und Männern vorzusehen. Gerade in Kommunen könne Gender Mainstrea-ming eher als Instrument zur Herstellung geschlechtergerechter Rahmenbedingungen und Strukturen eher durchgesetzt werden als in Produktionsbetrieben. So habe 2001 der Deutsche Städtetag beschlossen, dass es zu einer bürgerorientierten Dienstleistungsgesellschaft gehöre, das kommunale Verwaltungshandeln darauf hin zu überprüfen, welche unterschiedlichen Auswirkungen es auf das Leben von Männern und Frauen habe. Einige Stadtparlamente hät-ten bereits entsprechende Beschlüsse gefasst.